Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Du scrollst durch die Stellenanzeigen und suchst nach Ausbildungsplätzen. Bürokauffrau. Rechtsanwaltsfachangestellte. Eventmanagement. Kaufmännische Assistenz. Die Treffer werden dünner. Manche Unternehmen schreiben gar nicht mehr aus. Andere verlangen plötzlich „erste Erfahrungen mit KI-gestützten Workflows“ oder „Sicherheit im Umgang mit Automatisierungstools“. Du denkst an den alten Satz: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Früher musste man durch die stumpfe Arbeit. Heute fehlt oft schon die stumpfe Arbeit selbst.

Die klassische Ochsentour löst sich auf. Nicht nur bei den akademischen Juniorstellen. Auch in den dualen Ausbildungen, die jahrzehntelang den Einstieg in die Bürowelt organisiert haben. Die Fleißarbeit – Akten sortieren, Belege prüfen, Termine koordinieren, erste Übersetzungen anfertigen, Verträge vorbereiten – war nie nur Beschäftigungstherapie. Sie war die materielle Grundlage, auf der sich professionelles Gespür entwickelte. Man lernte, wo Fehler sitzen, indem man sie selbst machte. Man entwickelte einen Blick für das Unstimmige, weil man stundenlang mit dem Rohmaterial hantierte.

Richard Sennett hat das Handwerk des Könnens beschrieben: Meisterschaft entsteht nicht durch Theorie, sondern durch wiederholte, oft eintönige Praxis. Der Körper und der Geist speichern Widerstand, Takt und Urteil. Wenn die KI diese Praxis übernimmt und sie tut es bereits in der Wirtschaftsprüfung, in Kanzleien, im Marketing und in der Verwaltung, bleibt die Frage, woran sich das Urteil noch abreiben soll. Die Verifikation von KI-Ergebnissen ist wichtig. Aber sie ist etwas anderes als das eigene Durchackern des Materials.

Gleichzeitig entsteht eine seltsame Schieflage. In Stellenanzeigen tauchen Anforderungen auf, die historisch kaum erfüllbar sind. Mehrjährige Erfahrung in KI-gestützter Automatisierung. Sicherer Umgang mit Tools, die erst seit wenigen Jahren in der Breite existieren. Die Arbeitgeber suchen Leute, die den neuen Weg schon gegangen sind – und übersehen, dass der Weg gerade erst entsteht. Die Lehrjahre fehlen und gleichzeitig wird so getan, als gäbe es bereits eine Generation von Routiniers.

Das klingt nach Chance: Man überspringt die monotone Phase und springt schneller ins Strategische. Doch Expertise ist kein Prompt. Sie ist verkörpertes Wissen, das sich nur langsam einschleift. Wer nie die langweiligen Seiten gelesen hat, erkennt später schwerer, was die Maschine übersehen hat. Wer nie die stundenlange Koordination von Terminen und Dokumenten organisiert hat, spürt weniger, wo Prozesse wirklich knirschen.

Die Lehrjahre waren nie romantisch. Sie waren oft demütigend, langsam und ungerecht. Aber sie erzeugten etwas, das sich nicht einfach ersetzen lässt: die stille Vertrautheit mit dem Material. Jetzt verschwinden sie. Nicht dramatisch, sondern beiläufig. Die Stellenanzeigen werden weniger. Die Anforderungen steigen. Und irgendwann stellt sich die Frage, wer in zehn Jahren noch den Blick hat, den man nur durch die Ochsentour bekommt.

Wie bildet man Urteilskraft, wenn das Material, an dem sie wachsen könnte, schon vorgeglättet und vorverdaut ist?

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