Die stumme Welt

Du scrollst. Der Feed füllt sich, bevor du überhaupt merkst, dass du den Daumen bewegst. Ein Beitrag, der genau deinen Gedanken von gestern aufgreift. Ein Video, das deine Stimmung trifft, bevor du sie benannt hast. Eine Empfehlung, die sich anfühlt, als hätte jemand dich beobachtet – und doch niemand da ist. Du bleibst hängen. Du klickst. Du bleibst. Und irgendwann, mitten in dieser reibungslosen Kette, spürst du eine merkwürdige Stille. Nicht die angenehme. Die andere. Die, in der nichts mehr antwortet.

Hartmut Rosa nennt das den Verlust der Resonanz. Die Welt wird stumm. Nicht, weil sie schweigt, sondern weil sie nur noch das zurückwirft, was wir ihr bereits zugeführt haben. Resonanz, so Rosa, ist jenes wechselseitige Schwingen: Du sprichst, und etwas antwortet – nicht berechenbar, nicht steuerbar, sondern so, dass beide Seiten berührt und verändert werden. Die Antwort des Unverfügbaren. Genau das fehlt, wenn Algorithmen die Begegnung vorstrukturieren.

Früher konnte ein Zufall dich aus dem Takt bringen. Ein Gespräch im Zug mit jemandem, der völlig andere Bücher las. Ein Lied, das im Radio kam, obwohl du es nie gesucht hättest. Ein Blick auf der Straße, der nicht in dein Muster passte. Diese Momente waren unverfügbar. Sie kamen, oder sie kamen nicht. Heute filtert der Algorithmus das Unerwartete heraus. Spotify kennt deinen Geschmack besser als du selbst. Dating-Apps sortieren nach Kompatibilität. Newsfeeds halten dich in der eigenen Blase. Die Welt antwortet, aber nur noch mit dem, was sie bereits von dir weiß. Sie wird zum Echo, nicht zum Gegenüber.

Rosa beschreibt, wie moderne Gesellschaften die Welt in einen Gegenstand verwandeln, den man beherrschen, optimieren und vorhersagen will. Beschleunigung, Kontrolle, Verfügbarkeit. KI treibt dieses Prinzip auf die Spitze. Sie macht die Welt extrem verfügbar: Alles, was du sehen, hören, lesen willst, ist einen Scroll entfernt. Und genau deshalb verstummt sie. Denn Resonanz braucht Unverfügbarkeit. Sie braucht die Möglichkeit, dass die Antwort ausbleibt oder ganz anders ausfällt, als erwartet. Wenn der Feed immer trifft, gibt es keinen Raum mehr für das, was Rosa die „Antwort des Anderen“ nennt.

Du merkst es vielleicht an kleinen Stellen. Beim Versuch, ein echtes Gespräch zu führen, das nicht schon von gemeinsamen Algorithmen vorgeformt ist. Beim Hören eines Liedes, das dich überrascht und nicht bestätigt. Beim Gehen durch die Stadt, ohne dass die Navigation und die Empfehlungen den Weg vorzeichnen. Die Zufallsbegegnung wird zur Ausnahme. Die kuratierte Welt zur Norm. Und langsam gewöhnt man sich an die Stille.

Rosa hat das als Verkümmerung der Resonanzachsen beschrieben. Wir verlieren nicht nur Begegnungen. Wir verlieren die Fähigkeit, uns berühren zu lassen. Die Resonanzachsen – horizontal zu anderen Menschen, diagonal zu den Dingen, vertikal zu dem, was größer ist als wir – verkümmern, wenn sie nicht mehr angesprochen werden. Die Welt wird stumm, und wir werden taub.

Du legst das Handy weg. Der Bildschirm wird dunkel. Draußen ist es vielleicht Abend, vielleicht Morgen. Irgendetwas könnte jetzt passieren, das nicht in deinem Feed vorkommt. Etwas, das antwortet, ohne dass du es vorher gefragt hast.

Aber wie oft lässt du das noch zu und wie lange, bevor auch diese Möglichkeit algorithmisch geglättet wird?

Hinweis: Das Beitragsbild in diesem Artikel wurde mit Grok von xAI generiert.

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