Doing Gender durch Code

Du öffnest eine App und nach wenigen Sekunden verändert sich deine Wahrnehmung. Der Feed liefert dir keine zufälligen Bilder, sondern ein enges Korsett dessen, wie du als Mensch zu funktionieren hast. Für die eine ist es die makellose Ästhetik einer Tradwife, die in warmen Pastelltönen Brot knetet und das Heim als Zuflucht inszeniert. Für den anderen ist es der düstere Strom der Manosphere, der von Abhärtung, Disziplin und dem ewigen Kampf gegen eine vermeintlich schwache Umwelt raunt. Dazwischen schieben sich Filter, die Wangenknochen schärfen, Taillen verschmälern und Konturen so glätten, als sei das Comeback extremer Schlankheitsideale nie eine Debatte gewesen, sondern ein naturgegebenes Gesetz.

Candace West und Don Zimmerman haben Geschlecht nicht als Eigenschaft beschrieben, die man einfach mit sich herumträgt. Geschlecht ist eine permanente Aufführung, ein fortlaufendes Doing Gender. Wir stellen es in Gesprächen her, durch Kleidung, Gestik und Blicke, und wir tun das, weil uns die Umwelt ununterbrochen daran misst, ob wir den Erwartungen an Männer oder Frauen entsprechen.

Künstliche Intelligenz hat Doing Gender nicht abgelöst. Sie hat die Regieanweisungen übernommen. Algorithmen sind Beobachter, die nie müde werden. Sie registrieren jede Sekunde, die du bei einem Beitrag verweilst, jeden Klick auf einen Gesichtsfilter und jede Annäherung an Rollenbilder, die eigentlich längst erledigt schienen. Was als neutrale Mathematik auftritt, wirkt in Wahrheit wie ein Beschleuniger für alte Muster.

Das System speist sich aus den Daten der Vergangenheit und baut daraus die Blaupause für deine digitale Gegenwart. Wer einmal in den Sog von Tradwife-Romantik, toxischer Männlichkeit oder neuen Körperidealen gerät, bekommt kaum noch störende Alternativen gezeigt. Der Feed schließt sich. Aus der Vielfalt menschlicher Entwürfe wird eine maschinelle Monokultur, die dich mit jedem Scrollen fester in eine Nische drückt.

Das bleibt nicht auf dem Bildschirm. Wenn Job-Algorithmen Frauen seltener für gut bezahlte Führungspositionen priorisieren, weil die Datensätze vergangener Jahrzehnte von Männern dominiert waren, oder wenn automatisierte Bewerbungssysteme unbemerkt alte Stereotype reproduzieren, wird Code zu einer unsichtbaren Schranke.

West und Zimmerman haben gezeigt, dass wir uns dem Doing Gender kaum entziehen können, weil Abweichung im sozialen Miteinander sanktioniert wird. Heute verteilt der Algorithmus die Belohnung. Er honoriert das Bedienen der Klischees mit Aufmerksamkeit und Reichweite, während das Abweichende im unsichtbaren Nirgendwo verschwindet.

Uralte Geschlechterrollen kehren nicht trotz der neuen Technik zurück, sondern genau durch sie. Die Maschine weiß nicht, was ein Mann oder eine Frau ist. Aber sie weiß sehr genau, welche Reize und welche Ängste dich am längsten am Bildschirm halten. So wird das Herstellen von Geschlecht zu einer automatisierten Schleife, in der du nur noch mitspielst.

Du legst das Smartphone weg und siehst in den Spiegel, ohne Filter, ohne Likes und ohne die Empfehlung eines Systems.

Wie viel von dem, wie du dich heute als Mann oder Frau bewegst, ist eigentlich deine Wahl, und wie viel davon ist der Entwurf eines Algorithmus, der dich längst besser zu kennen glaubt als du dich selbst?

Hinweis: Das Beitragsbild in diesem Artikel wurde mit ChatGPT generiert.

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