Georg Simmel hat die Großstadt als Bühne beschrieben, auf der Fremde aufeinandertreffen und aus diesen flüchtigen Begegnungen etwas Unvorhergesehenes entstehen kann. Richard Sennett hat gezeigt, wie sehr eine offene Persönlichkeit und eine robuste Demokratie gerade von der Fähigkeit leben, mit dem Ungeplanten umzugehen. Heute greifen Algorithmen immer tiefer in diese Zufälligkeit ein. Sie filtern, optimieren und glätten unseren Alltag, sodass das Unerwartete zur seltenen Ausnahme wird.
Spotify hält uns in fein abgestimmten Musikblasen, Dating-Apps präsentieren uns vorab geprüfte Kompatibilitäten, und selbst durch die Stadt navigieren wir zunehmend entlang kuratierter Pfade. Die Plattformen kennen unsere Vorlieben besser als wir selbst und liefern uns genau das, was dazu passt. Das Leben wird reibungsloser, angenehmer, effizienter. Doch es verliert etwas Entscheidendes.
Dieses Etwas trägt den Namen Serendipität. Jener glückliche Zufall, bei dem man etwas findet, das man gar nicht gesucht hat, das das eigene Leben aber grundlegend verändert. Die Band, die man zufällig im kleinen Club hört und die einen nie mehr loslässt. Das Buch, das einem ein Fremder in der U-Bahn empfiehlt. Die große Liebe, die man auf einem Umweg trifft. Der Job, der sich aus einem belanglosen Gespräch ergibt. Serendipität ist das Salz im Leben, die Quelle echter Entwicklung.
Genau hier liegt die tiefe Tragik der KI-Kuration. Die Maschine kann einem nur das vorschlagen, von dem sie aufgrund der eigenen Vergangenheit weiß, dass man es mögen wird. Sie ist meisterhaft darin, das Bekannte zu optimieren. Doch sie kann einem niemals das geben, von dem man noch gar nicht weiß, dass man es lieben wird. Algorithmen sperren uns in die eigene Vergangenheit ein. Sie verstärken, was wir schon sind, und machen es immer unwahrscheinlicher, dass wir uns wirklich verändern.
Simmel würde diese Entwicklung mit Unbehagen sehen. Für ihn war die Großstadt gerade deshalb ein Ort der Freiheit, weil sie uns zwang, mit dem Fremden und Unerwarteten zu ringen. Sennett ergänzt, dass diese produktive Friktion uns erst zu mündigen, flexiblen Menschen macht. Wer nur noch mit seinesgleichen und mit bereits Bekanntem konfrontiert wird, verlernt das Aushandeln von Differenz, das Ertragen von Ambivalenz und das Staunen über das Neue.
Natürlich hat die Abwesenheit von Zufall auch ihre Verlockung. Viele empfinden es als Entlastung, nicht mehr ständig mit dem Unpassenden konfrontiert zu werden. Doch auf Dauer entsteht eine seltsame Enge. Die Welten werden passgenauer, die gemeinsamen Räume schmaler. Die Gesellschaft fragmentiert sich in immer feinere Filterblasen, in denen man sich wohlfühlt, aber kaum noch wächst.
Die großen Plattformen versprechen uns ein besseres Leben durch bessere Vorschläge. Tatsächlich liefern sie vor allem eine hochentwickelte Form der Selbstbestätigung. Das eigentlich Lebendige, die Offenheit für das Ungeplante und Unvorhersehbare, gerät dabei in Gefahr.
Wie viel Zufall und Serendipität brauchen wir eigentlich noch, um wirklich lebendig und gesellschaftsfähig zu bleiben?
Hinweis: Das Beitragsbild in diesem Artikel wurde mit Grok von xAI generiert.
